Lange hat Apple im indischen Kartellstreit gebremst, jetzt geht der Konzern in die Offensive: Die dreijährige Untersuchung der Wettbewerbsbehörde sei in weiten Teilen schlicht von Eingaben der Konkurrenz abgeschrieben. Apple legt dafür Vergleichstabellen vor und fordert, die Ergebnisse komplett zu verwerfen.
Im indischen Kartellverfahren rund um die App-Store-Gebühren hat Apple eine neue Eingabe eingereicht – und darin den Spieß umgedreht. Das Verfahren geht auf eine Beschwerde aus dem Jahr 2021 zurück; 2024 warf die Competition Commission of India (CCI) Apple wettbewerbswidriges Verhalten vor, wogegen sich der Konzern seither wehrt. Statt die Vorwürfe der Behörde nun inhaltlich zu entkräften, greift Apple deren Methodik selbst an. Der Streit ist deshalb so brisant, weil im Raum eine drohende Strafe von bis zu 38 Milliarden US-Dollar steht – sie wäre die höchste Kartellstrafe der Welt. Die Eingabe fällt unmittelbar vor eine nicht öffentliche Anhörung mit ranghohen CCI-Vertretern.
Der Vorwurf: kopierte Passagen statt eigener Prüfung
Laut einem Bericht von Reuters behauptet Apple in seiner Stellungnahme, die Ermittler der Behörde hätten zentrale Inhalte ungeprüft übernommen. So sei eine Grafik zu Verbraucherausgaben unverändert aus einer EU-Regelung übernommen worden. Zur Untermauerung legt Apple den Angaben zufolge Tabellen vor, die den CCI-Bericht direkt mit Eingaben von Verfahrensgegnern vergleichen – darunter konkurrierende indische Zahlungsdienstleister.
Der zuständige Director General habe keinerlei eigene Anstrengung unternommen, diese Aussagen unabhängig zu überprüfen oder kritisch einzuordnen, so Apple, sondern sie oft wortwörtlich übernommen. Aus Sicht des Konzerns hat die Behörde damit keine eigenständige Untersuchung geführt – weshalb ihre Ergebnisse vollständig aufgehoben werden müssten.
Apple sieht sich übergangen
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft das Verfahren selbst. Apple erklärt, die CCI habe dem Unternehmen während der dreijährigen Untersuchung nicht eine einzige Gelegenheit eingeräumt, eigene Aussagen zu Protokoll zu geben oder mündlich Beweise vorzubringen. Diese Verweigerung stehe in scharfem Kontrast zu einem ähnlichen Fall gegen Google, dem mehrfach Gelegenheit zur Verteidigung gegeben worden sei.
Pikant ist dabei, dass auch Google damals argumentierte, die CCI habe Teile einer europäischen Entscheidung kopiert. Die Behörde wies diese Darstellung seinerzeit zurück – und der Einwand hatte auf das Ergebnis gegen Google im Jahr 2023 keinen Einfluss.
Der eigentliche Streit ums Geld
Hinter dem juristischen Schlagabtausch steht eine Geldfrage. Das Verfahren befindet sich an dem Punkt, an dem die indischen Regulierer die Höhe einer möglichen Strafe festlegen wollen. Grundlage dafür ist ein 2024 in Kraft getretenes Kartellgesetz, das es der Behörde erlaubt, Bußgelder am weltweiten statt nur am lokalen Umsatz zu bemessen. Genau aus dieser Berechnungslogik leitet Apple die Summe von rund 38 Milliarden US-Dollar ab.
Gegen dieses Gesetz geht Apple in einem separaten Verfahren vor einem Gericht in Neu-Delhi vor. Der zentrale Einwand: Da die Regelung erst 2024 wirksam wurde, dürfe sie nicht rückwirkend auf den gesamten Untersuchungszeitraum von 2022 bis 2024 angewendet werden. Dieses Gerichtsverfahren ist bislang nicht abgeschlossen, neue Termine sind noch nicht angesetzt.
Vom Verzögern zur Gegenoffensive
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Eingabe. Die Behörde hatte Apple wiederholt vorgeworfen, das Verfahren zu verschleppen – vor allem, weil der Konzern sich lange weigerte, die geforderten Finanzdaten für den Zeitraum 2022 bis 2024 herauszugeben. Anfang Juni 2026 lenkte Apple ein und sagte die Kooperation zu, durfte aber statt globaler Zahlen lokale Konten einreichen. Für deren Aufbereitung bat das Unternehmen um eine „letzte Fristverlängerung“ bis zum 25. Juni 2026 – und reichte unmittelbar danach den nun bekannt gewordenen Vorwurf des Abschreibens ein.
Warum Apple die Gültigkeit der Untersuchung erst zu diesem späten Zeitpunkt anzweifelt, ist offen. Ein Blick auf den Google-Fall stimmt für den Konzern allerdings wenig zuversichtlich: Dort blieb der nahezu identische Einwand ohne Wirkung auf die Entscheidung. Die nächste nicht öffentliche Anhörung zwischen der CCI und Apple ist für den 21. Juli 2026 angesetzt.
Indien gewinnt für Apple an Gewicht
Der Streit fällt in eine Phase, in der Indien für Apple immer wichtiger wird. Parallel prüfen Gesundheitsbehörden das iPhone-Werk des Zulieferers Tata, der zuletzt auch Ziel eines Cyberangriffs mit erbeuteten Apple-Dokumenten wurde. Trotz dieses angespannten Umfelds wächst die Produktion im Land rasant: Erst 2017 begann Apple dort mit der Montage von iPhones – damals ausschließlich das iPhone SE für den lokalen Markt. Im März 2026 stammte bereits jedes vierte weltweit gefertigte iPhone aus Indien. Genau dieser wachsende Einsatz macht den Ausgang des Kartellverfahrens für Apple zu mehr als einer Randnotiz. (Bild: Shutterstock / Jayantt)
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