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Warum der DMA Siri AI auf iPhone und iPad stoppt

by Milan
9. Juni 2026
in Allgemein
Siri AI Apple EU

Bild: Apple

Apple verkauft Datenschutz seit Jahren als das, was die eigene Plattform von allen anderen abhebt – und ausgerechnet das datenschutz-vermarktete KI-Highlight des Jahres fehlt in der EU auf iPhone und iPad. Auf Mac, Apple Watch und Apple Vision Pro ist die neue Siri da, auf den beiden meistgenutzten Geräten nicht. Diese Lücke hat einen klaren Mechanismus, und der hat mehr mit der Reichweite des DMA zu tun als mit einer Laune in Cupertino.

In der deutschsprachigen Apple-Community hat sich nach der Keynote spürbar Frust angestaut: wieder eine große Bühne, wieder glänzende Folien – und für EU-Nutzer beim wichtigsten Feature erneut ein Wartezimmer. Dass die neue Siri auf iPhone und iPad in der EU vorerst nicht startet, obwohl Mac, Apple Watch und Apple Vision Pro sie bekommen, klingt zunächst nach einem Widerspruch in sich. Tatsächlich ist es das Gegenteil eines Zufalls. Die Trennlinie verläuft präzise – nur nicht zwischen iPhone und Mac, sondern zwischen den Plattformen, die der Digital Markets Act erfasst, und denen, die er nicht erfasst. Damit wird aus einem regionalen Verfügbarkeitsdetail eine grundsätzliche Frage – und sie trifft ausgerechnet das, womit Apple seit Jahren für sich wirbt: die Kontrolle über die eigenen Daten.

Was EU-Nutzer auf iPhone und iPad nicht bekommen

Mit der nächsten Systemgeneration baut Apple die Assistentin vollständig um. Die neue Siri ist dabei das sichtbarste Stück der überarbeiteten Apple Intelligence: Sie soll Gespräche im Kontext führen, auf dem Bildschirm Sichtbares verstehen und Aktionen in Apps auslösen. In der EU bleibt davon auf iPhone und iPad zum Start nichts übrig. Konkret fehlen die neue eigenständige App, in der sich frühere Konversationen wieder aufrufen lassen, die erweiterte Visual Intelligence, die integrierten Schreibwerkzeuge, der Siri-Modus in der Kamera-App sowie sämtliche weiteren auf der WWDC vorgestellten Siri-AI-Funktionen.

Apple formuliert die Absage ungewöhnlich offen. Craig Federighi, bei Apple verantwortlich für die Softwareentwicklung, zeigte sich „zutiefst enttäuscht“, dass EU-Nutzer Siri AI auf iPhone und iPad nicht zum Start der neuen Software bekämen; man hoffe, die Assistentin später doch in die EU zu bringen, habe dafür aber derzeit keinen Zeitplan. Diese fehlende Perspektive ist der eigentliche Stachel: Es geht nicht um ein paar Wochen Verzug, sondern um ein offenes Ende.

Betroffen sind nicht nur Verbraucher. Auch Entwickler mit Sitz in der EU können die neuen Siri-AI-Funktionen vorerst nicht in ihren iPhone- und iPad-Apps testen oder einbauen – eine Einschränkung, die sich über die Zeit in einem spürbaren Rückstand der hiesigen App-Landschaft niederschlagen kann. Und die EU steht damit nicht allein: Auch in China startet Siri AI zunächst nicht, dort allerdings aus anderen, eigenen regulatorischen Gründen.

Die Trennlinie heißt nicht iPhone gegen Mac, sondern reguliert gegen unreguliert

Das Auffällige an der Sperre ist ihre Genauigkeit. In derselben Region, mit derselben Apple-KI, fehlt die neue Siri auf genau zwei Systemen – und ist auf den anderen verfügbar. Sucht man nach einer Ursache, bleibt exakt eine Variable, die das Muster erklärt, und sie heißt nicht „Apple-Laune“, sondern DMA-Designierung.

iOS hat die EU-Kommission im September 2023 als zentralen Plattformdienst benannt, iPadOS folgte am 29. April 2024 – beim iPad sogar, obwohl es die quantitativen Schwellenwerte des Gesetzes nicht erreichte und die Kommission die Einstufung eigens über qualitative Kriterien begründen musste. macOS, watchOS, visionOS und tvOS tragen diese Designierung nicht. Genau diese Linie zeichnet Apple nun nach: Auf Mac, Apple Watch und Apple Vision Pro – allesamt außerhalb des DMA-Zugriffs – läuft die neue Siri, auf iPhone und iPad bleibt sie aus.

An der Designierung hängt eine konkrete Pflicht. Für iOS und iPadOS schreibt der DMA vor, dass Apple Dritten freie und wirksame Interoperabilität mit den vom Betriebssystem kontrollierten Funktionen gewähren muss. Übertragen auf die Assistentin bedeutet das nach Apples Lesart: Den tiefen Systemzugriff, den die neue Siri hätte – auf App-Aktionen, persönliche Daten, Bildschirmkontext -, müsste Apple in gleicher Form jeder fremden KI öffnen. Auf dem Mac oder der Apple Watch greift diese Pflicht nicht, also stellt sich die Frage dort nicht. Damit löst sich die scheinbare Ungereimtheit auf, ohne dass man Apple einen Widerspruch nachweisen müsste: Es ist keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der regulatorischen Exponiertheit.

Apples Bedenken und der abgelehnte Kompromiss

Apple rahmt die Sache als Schutzfrage – und wird dabei konkret. Die vom DMA verlangte Interoperabilität würde aus Konzernsicht bedeuten, dass jeder beliebige Assistent denselben weitreichenden Zugriff auf das Gerät erhielte wie die neue Siri: Nachrichten lesen und senden, Käufe tätigen, auf Dateien zugreifen, eigenständig Aktionen quer durch fremde Apps ausführen – und das, ohne dass Nutzer das fortlaufend einsehen und kontrollieren könnten. Apple verweist darauf, dass Sicherheitsforscher bereits gezeigt hätten, wie sich solche KI-Systeme kapern lassen, um Passwörter oder Fotos abzugreifen. Dass es nicht bei einer Totalverweigerung blieb, gehört zur Geschichte dazu: Apple bot nach eigenen Angaben einen „Trusted System Agent“ als sichere Vermittlungsinstanz an und einen Plan, Siri AI in der EU zu starten und diese Lösung über 18 Monate auszurollen. Die Kommission lehnte ab und akzeptierte keinen der Vorschläge.

Die Gegenseite liest dieselben Regeln anders. Aus Sicht der Kommission verlangt der DMA, dass Apple konkurrierenden KI-Systemen denselben Zugang einräumt wie der eigenen Assistentin – nicht, um Daten abfließen zu lassen, sondern um den Markt offen und bestreitbar zu halten. Dass dabei nicht nur Apple im Visier steht, zeigt ein paralleler Vorgang: Erst im Januar 2026 eröffnete die Kommission ein vergleichbares Verfahren gegen Google, um Dritten denselben Zugang zu jenen Android-Funktionen zu sichern, die Googles eigene KI-Dienste wie Gemini nutzen. Wo Apple eine Sicherheitsgrenze sieht, sieht die Regulierung einen Wettbewerbsmechanismus. Beide Seiten reklamieren das Nutzerinteresse für sich, und genau an dieser Stelle prallen die beiden Schutzlogiken aufeinander.

Dazu kommt ein Punkt, der in der Debatte gern verkürzt wird. Die neue Siri stützt sich für ihre größeren Modelle auf Gemini-Technik aus dem Google-Umfeld, und die rechenintensivsten Anfragen verarbeitet Apple künftig tatsächlich über Private Cloud Compute in der Google Cloud. Daraus folgt aber nicht, dass jede Anfrage wie bei einem gewöhnlichen Google-Dienst bei Google landet: Apple behält nach eigener Darstellung die Hoheit über die PCC-Software – die Geräte vertrauen nur von Apple signiertem Code -, hält an der zustandslosen Verarbeitung ohne Datenspeicherung fest und öffnet die Systeme unabhängigen Sicherheitsforschern zur Prüfung. Der Vorwurf, hier reiche ein „Datenschutzunternehmen“ seine Nutzer einfach an Google weiter, trifft die Konstruktion deshalb nur halb – auch wenn der Beweis, dass die Garantien auf fremder Hardware halten, noch aussteht.

Am Ende verliert der europäische Nutzer

Hier lohnt der Schritt zurück. Apples Modell setzt auf enge, kontrollierte Integration: möglichst viel auf dem Gerät, der Rest abgeschirmt, der Zugriff bewusst eng gehalten – Schutz durch Geschlossenheit. Der DMA verfolgt das gegenteilige Ziel: Öffnung, Interoperabilität, das Aufbrechen von Gatekeeper-Macht. Das ist kein Streit zweier gleichwertiger Schutzkonzepte, denn nur eine Seite verspricht überhaupt Datenschutz. Und es ist dieselbe Apple-KI, die weltweit und in der EU auf Mac, Apple Watch und Apple Vision Pro längst ausliefert – sie verschwindet einzig dort, wo die Zugriffsforderung des DMA sie trifft.

Das ist die eigentliche Pointe – und sie hat eine bittere Note. Datenschutz und die Kontrolle über die eigenen Daten sind für Apple kein Nebenschauplatz, sondern das zentrale Markenversprechen und für einen relevanten Teil der Käufer ein echtes Argument, an dem die Konkurrenz seit Jahren scheitert. Ausgerechnet in der Region mit der schärfsten Datenschutztradition sorgt nun ein anderes Regelwerk dafür, dass das datenschutz-vermarktete Feature auf den beiden wichtigsten Plattformen fehlt. Wer sein iPhone unter anderem wegen genau dieses Versprechens gewählt hat, steht in der EU vorerst ohne das Feature da.

Dass die Interoperabilitätspflichten allein an iOS und iPadOS hängen, ist Fakt – und Apples Lösungsangebot lag auf dem Tisch, ehe die Kommission es verwarf, ohne einen einzigen der Vorschläge anzunehmen. Ob jede Schutzsorge Apples zwingend ist, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen; dass eine Einigung am Verhandlungstisch möglich gewesen wäre, scheiterte jedenfalls nicht an fehlenden Vorschlägen aus Cupertino.

Was bleibt, ist eine unbequeme Bilanz. Schon Apple Intelligence kam nach derselben DMA-Hängepartie 2024 erst im März 2025 in Europa an; nun wiederholt sich das Muster, diesmal sogar ohne Zeitplan. Ein Regelwerk, das Wahlfreiheit und offene Märkte verspricht, nimmt ausgerechnet dem europäischen Nutzer das Software-Highlight des Jahres – und das später als überall sonst. Wer am Ende juristisch recht behält, ändert daran wenig: Die Rechnung für den Streit zwischen Cupertino und der EU-Kommission zahlt zuerst, wer hier ein iPhone in der Tasche hat.

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