Apple hat vor einem Bundesgericht in Kalifornien eine einstweilige Verfügung gegen OpenAI beantragt. Wenige Stunden später veröffentlichte OpenAI eine öffentliche Gegendarstellung – samt E-Mail-Verkehr und iMessage-Protokollen, die den Vorwurf umdrehen sollen. Der Streit um angeblich gestohlene Geschäftsgeheimnisse wird damit erstmals außerhalb der Gerichtsakten ausgetragen.
Seit Apple im Juli gegen OpenAI vor Gericht gezogen ist, hatte sich das Unternehmen hinter ChatGPT auf knappe Dementis beschränkt. Das hat sich in der Nacht auf Dienstag geändert: Unter dem Titel „Apple is getting this wrong“ hat OpenAI einen ausführlichen Blogbeitrag veröffentlicht und Dokumente mitgeliefert.
Ausgelöst hat das ein Schritt Apples am Tag zuvor. Der Konzern will den beiden früheren Mitarbeitern und OpenAI per einstweiliger Verfügung untersagen lassen, vertrauliche Informationen zu nutzen – und das Verfahren beschleunigen.
Das Wichtigste in Kürze
- Apple beantragt eine einstweilige Verfügung gegen OpenAI sowie die früheren Mitarbeiter Chang Liu und Tang Tan.
- OpenAI veröffentlicht E-Mails und iMessage-Verläufe und bezeichnet die Klage als unbedacht, aggressiv und merkwürdig persönlich.
- Laut OpenAI hatten Apple-Mitarbeiter Liu nach seinem Ausscheiden selbst um Hilfe beim Auffinden interner Dateien gebeten.
- Apples Anwälte schrieben im Februar nachweislich die falsche Person an – OpenAI veröffentlicht die Entschuldigung dazu.
- Ein Termin für die Verhandlung über den Eilantrag steht noch nicht fest.
Was Apple vom Gericht verlangt
Der Antrag zielt darauf, OpenAI und den beiden ehemaligen Beschäftigten jeden Zugriff auf die strittigen Informationen zu untersagen, ebenso deren Nutzung und Weitergabe. Parallel verlangt Apple ein beschleunigtes Beweisverfahren. Zur Begründung führt der Konzern laut dem Bericht von Reuters über die Einreichung an, ohne die Verfügung drohe ein nicht wiedergutzumachender Schaden.
Damit verschärft sich ein Verfahren, das seit Wochen an Umfang gewinnt. Zuletzt hatte Apple die Beweissicherung auf Dutzende weitere Mitarbeiter ausgeweitet; die Klageschrift nennt zudem, dass inzwischen über 400 frühere Apple-Beschäftigte bei OpenAI arbeiten.
Ein Verhandlungstermin über den Eilantrag ist bislang nicht angesetzt.
Wie OpenAI den Vorwurf umdreht
Der Kern der Gegendarstellung betrifft Chang Liu, der Apple am 22. Januar verlassen hat. OpenAI veröffentlicht iMessage-Verläufe, aus denen hervorgehen soll, dass Apple-Mitarbeiter Liu nach seinem Ausscheiden mehrfach um Hilfe beim Auffinden interner Dateien und technischer Angaben baten.
In einem Fall wurde ein Kollege angewiesen, Dateien aus Lius mit seinem Apple Account verknüpftem iCloud-Konto per AirDrop zu übertragen. AirDrop schickt Dateien direkt von Gerät zu Gerät, ohne Umweg über einen Server des Unternehmens. Noch am 5. März soll ein Apple-Mitarbeiter Liu zu internen Dateien befragt haben; ein weiterer Teilnehmer des Verlaufs nannte den Austausch demnach höchst ungewöhnlich.
Apples Argument, es handle sich um verbliebene Zugriffsrechte, dreht OpenAI ins Gegenteil: Das sei ein wiederkehrendes Problem bei Apple, weil Systemzugänge beim Ausscheiden nicht sauber entzogen würden. Ehemalige Beschäftigte behielten dadurch Zugriff auf Dateien, ohne davon zu wissen oder ihn zu wollen.
Zu Tang Tan, der 24 Jahre bei Apple war und die Hardware-Firma io Products mitgegründet hat, erklärt OpenAI, er habe im Team stets klargestellt, dass vertrauliche Informationen anderer Unternehmen nicht verwendet werden dürfen.
Der Streit um den verwechselten Nachnamen
Besonders unangenehm für Apple ist die Darstellung der Vorgeschichte. Apple hatte angeführt, OpenAI im Februar kontaktiert und keine Antwort erhalten zu haben. Inzwischen räumt der Konzern ein, dass seine externen Anwälte die falsche Person anschrieben, nachdem sie zwei asiatische Nachnamen verwechselt hatten – OpenAI veröffentlicht den E-Mail-Verlauf samt der Entschuldigung.
Die E-Mail-Panne hatte die Gespräche zwischen beiden Unternehmen zum Scheitern gebracht, bevor sie richtig begonnen hatten. Neu ist, dass die Belege dafür jetzt öffentlich einsehbar sind.
Zusätzlich soll Apple eingeräumt haben, dass ein behauptetes Gespräch mit OpenAIs Chefjustiziar nie stattgefunden hat. Nach OpenAIs Darstellung folgten auf die Kontaktaufnahme fünf Monate Funkstille, bevor die Klage eingereicht wurde.
Chronologie eines eskalierenden Verfahrens
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Februar 2026 | Apples externe Anwälte schreiben die falsche Person an |
| 10. Juli 2026 | Apple reicht Klage wegen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen ein |
| 10. Juli 2026 | OpenAI dementiert knapp: kein Interesse an fremden Geschäftsgeheimnissen |
| 14. Juli 2026 | OpenAI erklärt, keine Belege für die Vorwürfe gesehen zu haben |
| 17. Juli 2026 | Apple weitet die Beweissicherung auf Dutzende Mitarbeiter aus |
| 3. August 2026 | Apple beantragt eine einstweilige Verfügung |
| 4. August 2026 | OpenAI veröffentlicht Gegendarstellung mit E-Mails und Chatverläufen |
Die knappe Reaktion vom 10. Juli und die Aussage, keine Belege für Apples Vorwürfe gesehen zu haben, wirkten im Juli noch wie eine Hinhaltetaktik. Mit den nun veröffentlichten Dokumenten wechselt OpenAI die Strategie.
Warum der Gegenangriff für Apple unangenehm ist
Der Vorwurf, dass ausgeschiedene Mitarbeiter weiterhin auf Firmendateien zugreifen können, trifft ein Unternehmen besonders hart, das Sicherheit und Datenkontrolle zum Markenkern erklärt hat. Ob er zutrifft, ist offen – belegt sind bislang nur die Chatverläufe, nicht die daraus abgeleitete Behauptung über Apples Offboarding.
Auffällig ist der Schauplatz. OpenAI antwortet nicht mit einem Schriftsatz, sondern mit einem Blogbeitrag – rechtlich ohne Wirkung, für die öffentliche Wahrnehmung aber wirksam, weil Apples Klageschrift bislang die einzige ausführliche Darstellung war.
Für Apple steht dabei mehr auf dem Spiel als ein Prozess. Das Gerät, um das es geht, soll ein Lautsprecher mit Kamera werden und zielt auf denselben Wohnzimmerplatz wie Apples eigene Smart-Home-Pläne. Dass Apple Jony Ive bewusst aus der Klage heraushält, zeigt, wie sorgfältig die Auseinandersetzung austariert ist – ein Fehltritt bei der Vorgeschichte passt schlecht in dieses Bild. (Bild: Apfelpatient)
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