Über ein Jahr lang blieb offen, was Jony Ive und OpenAI gemeinsam entwickeln. Jetzt zeichnet sich das Gerät ab: ein bildschirmloser Lautsprecher mit Kamera und Sensoren, der von Raum zu Raum wandert und im Haushalt als eine Art KI-Computer arbeiten soll. Die Beschreibung erscheint vier Tage nach Apples Klage gegen genau dieses Hardware-Projekt.
Apple hat OpenAI am 10. Juli vor dem Bundesbezirksgericht in Nordkalifornien wegen des Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen verklagt und die Hardware-Tochter io Products als Mitbeklagte benannt. Der Kern der 41-seitigen Klageschrift: OpenAI habe seine Gerätepläne auf abgeworbenem Apple-Wissen aufgebaut. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. Über das Produkt selbst war bis dahin fast nichts bekannt – außer dem, was OpenAI in einem anderen Verfahren notgedrungen preisgeben musste. Ein Bericht von Bloomberg schließt diese Lücke nun zum ersten Mal.
Ein Lautsprecher, der als Computer gedacht ist
Laut Bloomberg beginnt OpenAIs Einstieg in den Gerätemarkt mit einem mobilen, bildschirmlosen Smart Speaker. Intern beschreibt das Unternehmen ihn ausdrücklich nicht als Lautsprecher, sondern als neue Art von Heimcomputer für das KI-Zeitalter, gebaut, um vielbeschäftigte Menschen produktiver zu machen.
Eine Kamera und weitere Sensoren sollen die Umgebung und den Kontext der Nutzer erfassen. Dazu kommen KI-Modelle, die über das hinausgehen, was heutige smarte Lautsprecher leisten. Ein wiederaufladbarer Akku erlaubt den Transport durch die Wohnung: in die Waschküche während der Hausarbeit, in die Küche als Kochhilfe, abends ins Wohn- oder Schlafzimmer für Musik. Wer das Gerät fest an einer Steckdose lassen will, kann es dort betreiben.
Der Formfaktor passt zu dem, was OpenAI längst vor Gericht eingeräumt hatte. Tang Tan, Chief Hardware Officer des Unternehmens und Mitgründer von io, erklärte im Juni 2025 in einer eidesstattlichen Erklärung, der von Sam Altman erwähnte Prototyp sei weder ein In-Ear-Gerät noch ein Wearable. Ein Gerät, das auf dem Tisch steht und getragen werden kann, füllt genau diese Lücke.
Der Zeitplan spricht gegen einen schnellen Marktstart
Zwischen der Beschreibung eines Produkts und seinem Verkauf liegt bei OpenAI derzeit noch viel Zeit. In einer Gerichtseingabe vom Februar 2026 erklärte das Unternehmen, das erste Hardware-Gerät werde nicht vor Ende Februar 2027 an Kunden ausgeliefert. Verpackung und Marketingmaterial existierten zu diesem Zeitpunkt nicht. Zugleich entschied OpenAI, den Namen „io“ nicht für KI-Hardware zu verwenden – eine Folge des Markenrechtsstreits mit dem Ohrhörer-Start-up iyO, aus dessen Verfahren die meisten belastbaren Details zum Projekt überhaupt erst stammen.
Die eigenen Prognosen des Unternehmens waren zuletzt optimistischer als die Realität: Chief Global Affairs Officer Chris Lehane hatte im Januar in Davos die erste Jahreshälfte 2026 in Aussicht gestellt. Sie ist vorbei. Übernommen hatte OpenAI die Hardware-Schmiede io Products im Mai 2025 für 6,5 Milliarden Dollar.
Fünf Produkte – und eine Liste, die Apple bekannt vorkommt
Der Lautsprecher ist laut dem Bericht nur eines von rund fünf Produkten in Entwicklung. Langfristig arbeitet OpenAI an einem mobilen KI-Gerät, das das Smartphone ersetzen soll – ein Vorhaben, dessen Start zuletzt um ein Jahr vorgezogen wurde. Dazu kommen Wearables, darunter ein Anhänger zum Umhängen, sowie Interesse an Haushaltsrobotik.
Diese Aufzählung liest sich streckenweise wie Apples eigene Produktplanung. Apples KI-Rückstand hat Home Hub, Brille und Tischroboter nach hinten geschoben – dieselben drei Kategorien, an denen OpenAI arbeitet. Auch personell nähern sich beide Unternehmen an: Inzwischen arbeiten über 400 frühere Apple-Beschäftigte bei OpenAI, Tang Tan war vor seinem Wechsel 24 Jahre bei Apple, zuletzt als Vice President für das Produktdesign von iPhone und Apple Watch.
Was das Gerät in Europa von Apples Gegenstück trennt
Apples Antwort auf diese Geräteklasse ist das seit Jahren erwartete Smart-Home-Display mit dem internen Kürzel J490. Ursprünglich für das Frühjahr 2025 angesetzt, wurde es mehrfach verschoben, zuletzt auf September 2026. Der Grund war jedes Mal derselbe: Die Bedienoberfläche des Geräts baut auf Siri AI auf, und Siri AI wurde nicht rechtzeitig fertig.
Genau daran hängt der Unterschied für den deutschsprachigen Markt. Siri AI startet im Herbst mit iOS 27, auf iPhone und iPad in der EU jedoch nicht. Apple verweist auf die Interoperabilitätsvorgaben des Digital Markets Act und nennt bis heute keinen Termin. Betroffen sind alle 27 EU-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland und Österreich. Auf deinem iPhone bleibt die Funktion damit vorerst außen vor. Die Schweiz zählt weder zur EU noch zum EWR und ist von der Sperre nicht erfasst – dort läuft Siri AI auf dem iPhone wie im Rest der Welt. Auf Mac und Vision Pro steht die Funktion auch in der EU bereit, zunächst auf Englisch.
OpenAIs Lautsprecher stellt sich diese Frage nicht: Das Gerät bringt seine Modelle selbst mit und ist auf keinen Systemassistenten einer fremden Plattform angewiesen.
Das Wohnzimmer wird zum nächsten Schauplatz
Beide Meldungen dieser Woche gehören zusammen. Apple wirft OpenAI vor, sich beim Bau von Hardware an fremdem Wissen bedient zu haben; OpenAI hält dagegen, sein erstes Produkt verletze keine Geschäftsgeheimnisse. Und während der Rechtsstreit läuft, wird sichtbar, worum es materiell geht: um dieselbe Steckdose im selben Wohnzimmer.
Apple hat dort die Installationsbasis, die Lautsprecher und den Namen – aber ein Gerät, das seit über einem Jahr auf einen Assistenten wartet, der auf dem meistgenutzten Apple-Produkt in Europa noch immer nicht läuft. OpenAI hat die Modelle und keine Altlasten, dafür bis heute kein einziges verkauftes Stück Hardware und einen selbst genannten Termin, der frühestens 2027 beginnt. Wer zuerst liefert, bestimmt, wie diese Gerätekategorie am Ende aussieht. (Bild: Shutterstock / Bangla press)
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