Als Tim Cook ihn fragte, ob er Apple führen wolle, saß John Ternus zum Glück gerade – so erzählt er es selbst. In einem langen Fernsehinterview spricht der neue Konzernchef über diesen Moment, über Technik in seiner Familie und über ein Headset, das er öffentlich ganz anders beschreibt, als es ihm intern nachgesagt wird.
Ternus hat der Sendung „Clique“ des französischen Senders Canal+ ein ausführliches Interview gegeben. Moderator Mouloud Achour hat das Gespräch Anfang September nach der Keynote geführt, veröffentlicht wurde es am Wochenende. Es ist eines der ersten großen Interviews, seit Ternus am 1. September die Nachfolge von Tim Cook angetreten hat.
Die Themen reichen vom Angebot, CEO zu werden, über künstliche Intelligenz und die Kindersicherung bis zur Vision Pro.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Angebot, Apple zu führen, kam für Ternus nach eigener Aussage völlig überraschend.
- Einen radikalen Kurswechsel sieht er nicht, der Fokus auf Produkte und Kunden bleibe.
- Die Vision Pro vergleicht er mit den Anfängen des Computers und nennt Chirurgie und Filmproduktion als wachsende Einsatzfelder.
- Seine Kinder nutzen Apple-Geräte, Zeiten und Zwecke legt die Familie gemeinsam fest.
„Zum Glück saß ich gerade“
Als Cook ihn gefragt habe, ob er sich den Posten vorstellen könne, sei die gute Nachricht gewesen, dass er gerade saß, erzählt Ternus. Er habe sich das niemals vorstellen können. Für ihn sei es immer darum gegangen, bei Apple zu sein, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und großartige Dinge zu bauen. Wann das Gespräch stattfand, sagt er nicht.
Als wichtigste Lehre von Steve Jobs und Tim Cook nennt er keinen einzelnen Satz, sondern eine Haltung: den Blick nach vorn. Ein Produktstart sei ein großartiger Tag, am nächsten gehe es schon um das Nächste. Dass er auf der Bühne selbst „One more thing“ sagen durfte, beschreibt er als fast magischen Moment, er habe Gänsehaut gehabt.
Kein radikaler Wechsel
Auf die Frage, ob Apple unter ihm zu seinen Wurzeln als Ingenieursfirma zurückkehre, antwortet Ternus, im Grunde habe sich nichts verändert. Er sei neu in der Rolle, doch der Fokus auf Innovation, auf Produkte und vor allem auf die Kunden habe von Anfang an bestanden. Er liebe es, Dinge zu bauen, halte das aber nicht für einen radikalen Wandel.
Damit legt er sich öffentlich auf Kontinuität fest. Ein grundlegender Umbau des Konzerns steht in seinen Worten nicht an, auch wenn sich die Führungsriege unter ihm bereits neu sortiert hat.
Generative KI bezeichnet Ternus als so mächtige Technologie, dass dies die spannendste Zeit seiner Karriere sei, um Produkte zu bauen. Vieles, was früher Science-Fiction war, werde möglich. Siri AI sei dagegen ausdrücklich nicht dafür gedacht, ein Freund zu sein. Apple wolle menschliche Beziehungen nicht ersetzen, denn durch sie lerne und wachse man.
Vision Pro als Anfang einer langen Reise
Achour fragte, ob die Vision Pro ein Test, ein Flop oder der erste Schritt zu einem neuen Computer sei. Ternus nennt sie ein absolut erstaunliches Gerät und vergleicht die Lage mit den Anfängen des Computers. Damals hätten Menschen nach und nach Gründe gefunden, warum ihnen ein Mac etwas ermöglichte, das es vorher nicht gab – etwa Desktop-Publishing, das daraus zu einer eigenen Branche wurde.
Bei der Vision Pro sieht er dieselbe Entwicklung. Neben begeisterten frühen Käufern setzten Chirurgen das Headset bei Operationen ein, weil es für sie ein besseres Werkzeug sei als ein Monitor neben dem Tisch. Für diesen Einsatz liegen bereits erste Auswertungen vor. In der Filmproduktion diene es der Planung von Sets. Die Zukunft sei sehr vielversprechend.
Neu ist diese Linie nicht. Schon im April hatte Ternus von den frühen Tagen des räumlichen Computings gesprochen und die Vision Pro als außergewöhnliches Produkt bezeichnet.
Technik in der Familie
Achour sprach Ternus darauf an, dass manche Chefs von Technologieunternehmen ihre Kinder keine Smartphones oder Computer nutzen lassen. Das könne er nicht ganz nachvollziehen, sagt Ternus, seine Kinder nutzten sie. In der Familie habe man viel darüber gesprochen und festgelegt, wann und wofür die Geräte genutzt werden und wann nicht. Dazu verweist er auf die erweiterte Kindersicherung in iOS 27.
In Europa verschiebt sich die Frage gerade von der Familie zum Gesetzgeber. Die EU-Kommission hat am 17. September den KIDS Act vorgestellt: Unter 13 Jahren soll es keinen Zugang zu sozialen Medien geben, bis 15 nur Konten, die Eltern einrichten und beaufsichtigen. Ternus‘ Modell setzt dagegen auf Absprachen in der Familie statt auf feste Altersgrenzen.
Das iPhone Duo und seine Form
Zum iPhone Duo erklärt Ternus, Apple habe nicht einfach zwei Smartphone-Formen aneinandersetzen wollen, weil daraus ein seltsames Quadrat entstehe. Ausgangspunkt sei das große Display des iPad gewesen, daraus sei ein neues Seitenverhältnis entstanden. Wie sich dieses Seitenverhältnis am Papierformat orientiert, hatten Apples Designer bereits erläutert.
Schwierig seien vor allem Scharnier und Display gewesen, beide mussten zuverlässig werden. Als Lieblingsdetail zeigt Ternus die Animation beim Aufklappen, die von einer Seite zur anderen läuft. Vorbestellt werden kann das Gerät ab dem 16. Oktober.
Zwei Bilder von einem Headset
Öffentlich ist Ternus der Verteidiger der Vision Pro. Nach einem Bericht von Bloomberg vom 1. September beschreiben Kollegen, die mit ihm über das Headset gesprochen haben, ihn dagegen als von Beginn an skeptisch: zu klobig und zu teuer für ein Massenpublikum. Kurz vor seinem Amtsantritt wurde die Vision-Pro-Gruppe um rund 100 Stellen verkleinert, ein überarbeiteter Nachfolger wird laut Bloomberg nicht vor Ende 2028 erwartet.
Beide Bilder schließen sich nicht aus. Der Vergleich mit den Anfängen des Computers legt sich weder auf ein Datum noch auf ein Nachfolgemodell oder einen Preis fest. Wir lesen ihn deshalb eher als Bekenntnis zu visionOS als Plattform, die laut Bloomberg auch auf den geplanten Datenbrillen laufen soll, und weniger als Zusage für das Headset in seiner heutigen Form.
Nimmst du Ternus die Begeisterung für die Vision Pro ab – oder wiegt für dich schwerer, dass die Mannschaft dahinter kleiner geworden ist? Schreib uns in die Kommentare, welchem der beiden Bilder du eher glaubst.



