Rund neun von zehn Smartwatches, die KI direkt auf dem Handgelenk verarbeiten, tragen einen Apfel – so das Ergebnis eines aktuellen Marktberichts. Der Abstand zur Konkurrenz ist so groß, dass er weniger über eine einzelne Funktion aussagt als über eine strategische Weichenstellung. Für Nutzer in Deutschland steckt in den Zahlen jedoch ein doppeltes Signal.
Edge AI beschreibt KI-Berechnungen, die direkt auf dem Gerät ablaufen, statt Daten zur Auswertung in die Cloud zu schicken. Bei der Apple Watch übernimmt die integrierte Neural Engine genau solche Aufgaben – von der Gestenerkennung über Sprachbefehle bis zu einzelnen Gesundheits- und Sicherheitssignalen. Dass ausgerechnet dieser Bereich zum Wachstumstreiber wird, passt zu einer Uhr, deren jüngste Generationen ihre wichtigsten Neuerungen fast ausschließlich aus der Software ziehen – ein Muster, das sich auch in den Erwartungen an die Apple Watch Series 12 fortsetzt.
Neun von zehn Edge-AI-Uhren kommen von Apple
Die Marktforscher von Counterpoint Research haben für das erste Quartal 2026 die Auslieferungen von Smartwatches untersucht, die KI-Aufgaben lokal auf dem Gerät ausführen. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Rund 90 Prozent dieser Edge-AI-Uhren stammen von Apple. Der gesamte Markt für solche Geräte wuchs im Jahresvergleich um 70 Prozent, und inzwischen zählt jede vierte ausgelieferte Smartwatch zu dieser Kategorie – ein Marktanteil von 25 Prozent.
Als Edge-AI-Smartwatch gilt dabei nur ein Gerät mit dedizierter Neural Engine beziehungsweise NPU, das mindestens eine Gesundheits-, Sicherheits- oder Interaktionsfunktion primär lokal auf diesem Beschleuniger berechnet. Für 2026 rechnen die Analysten damit, dass der Anteil solcher Uhren auf etwa 32 Prozent steigt. Der Vorsprung ist also nicht nur groß, sondern entsteht in einem Segment, das gerade erst Fahrt aufnimmt.
Gesundheitsfunktionen als eigentlicher Treiber
Hinter dem Wachstum stehen vor allem zwei Funktionsgruppen. Laut dem Bericht verdoppelten sich die Auslieferungen von Smartwatches mit Blutdruck-Monitoring, während sich jene mit Schlafapnoe-Erkennung sogar verdreifachten. Über den gesamten Markt hinweg zog die Verbreitung dieser Gesundheitsfunktionen deutlich an:
| Gesundheitsfunktion | Q1 2025 | Q1 2026 |
|---|---|---|
| Blutdruck-Monitoring | 11 % | 23 % |
| Schlafapnoe-Erkennung | 5 % | 18 % |
| EKG | 31 % | 34 % |
Während die EKG-Verbreitung nur leicht wächst – die Funktion ist auf vielen Modellen längst etabliert -, holen Blutdruck- und Schlafapnoe-Erkennung rasant auf. Bei Apple ist dabei eine Einordnung wichtig: Die Apple Watch misst den Blutdruck nicht direkt, sondern wertet über den optischen Herzsensor Muster aus und weist per Hypertonie-Mitteilung auf mögliche Anzeichen von chronischem Bluthochdruck hin. Es handelt sich also um ein Screening-Signal, nicht um eine Messung mit konkreten Werten.
Warum das iPhone die Rechenarbeit übernimmt
Die Definition von Edge AI zählt auch Sprachbefehle zu den lokal verarbeiteten Interaktionsfunktionen – und genau hier lohnt ein zweiter Blick. Die klassische, auf dem Gerät laufende Spracherkennung ist Teil dessen, was die Apple Watch zur Edge-AI-Uhr macht. Die neue, deutlich leistungsfähigere Siri-Generation läuft dagegen nicht auf der Uhr selbst.
Der Grund ist nüchtern technisch: Die Apple Watch verfügt aktuell über etwa ein bis anderthalb Gigabyte Arbeitsspeicher. Für Geräte, die Apple Intelligence direkt ausführen, setzt Apple bislang mindestens acht Gigabyte voraus. Die aufwendigen KI-Berechnungen wandern deshalb auf ein gekoppeltes iPhone, während auf der Uhr lediglich die Bedienoberfläche sitzt. Der lokale Edge-AI-Anteil der Watch bleibt damit auf jene Aufgaben beschränkt, die die sparsame Neural Engine im Gehäuse tatsächlich stemmen kann.
Was in Deutschland ankommt – und was der DMA ausbremst
Für den deutschsprachigen Markt ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild. Die guten Nachrichten zuerst: Genau die Gesundheitsfunktionen, die die Edge-AI-Zahlen antreiben, sind hierzulande verfügbar. Die Schlafapnoe-Erkennung kam mit watchOS 11 im Herbst 2024 nach Deutschland, die Bluthochdruckmitteilungen folgten mit watchOS 26 im September 2025 – jeweils nach Freigabe durch die zuständigen Behörden. Wer eine kompatible Apple Watch trägt, profitiert also vom Kern jener Technik, die Apple an die Spitze des Segments trägt.
Hinzu kommt ein Punkt, der im Datenschutz-sensiblen europäischen Umfeld schwerer wiegt als anderswo: Weil Edge AI die Auswertung auf dem Gerät belässt, verlassen die zugrunde liegenden Gesundheitsdaten das Handgelenk beziehungsweise das iPhone gar nicht erst. Was aus Cupertino als Effizienzvorteil verkauft wird, ist in der EU vor allem ein Vertrauensargument.
Die Kehrseite betrifft die Interaktionsseite. Die neue Siri-Generation stellt Apple wegen des Digital Markets Act vorerst nicht auf iPhone und iPad in der EU bereit – und weil die Assistenz auf der Uhr über das gekoppelte iPhone läuft, erbt die Apple Watch diese Sperre automatisch. Nutzer in Deutschland erhalten damit den gesundheitlichen Edge-AI-Vorsprung, während der modernste KI-Assistenzteil ausgerechnet dort fehlt, wo er die tägliche Bedienung am stärksten verändern würde.
Apples Vorsprung liegt in der Software
Der dominierende Marktanteil ist keine Momentaufnahme, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit an Sensorik und lokaler Datenverarbeitung. Solange Wettbewerber weder die Hardware-Basis noch das Ökosystem aus watchOS, Health-App und iPhone in dieser Tiefe zusammenführen, dürfte der Abstand bestehen bleiben. Bezeichnend ist, dass der nächste Schub erneut aus der Software kommen soll – neue Sensoren spielen bei den Erwartungen an die kommende Generation eine kleinere Rolle als schlauere Algorithmen auf bereits vorhandener Hardware. (Bild: Shutterstock / charnsitr)
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