Eine unbekannte Zahl von Menschen in 110 Ländern hat am Donnerstag eine Nachricht von Apple bekommen, die niemand bekommen will: Das eigene iPhone war Ziel eines Angriffs mit hochentwickelter Überwachungssoftware. Wer betroffen ist, sieht den Hinweis auf dem Sperrbildschirm.
Am 13. August hat Apple erneut Nutzer benachrichtigt, deren Geräte nach Einschätzung des Unternehmens Ziel eines Angriffs mit sogenannter Söldner-Spyware waren. Betroffen sind Menschen in 110 Ländern; seit dem Start dieser Warnungen im Jahr 2021 kommt Apple damit auf mehr als 150 Länder insgesamt. Wie diese kommerziellen Überwachungswerkzeuge funktionieren und wer typischerweise ins Visier gerät, haben wir in der Übersicht zu Pegasus und kommerzieller Spyware auf dem iPhone aufgearbeitet.
Das Wichtigste in Kürze
- Apple hat am 13. August Bedrohungsbenachrichtigungen an Nutzer in 110 Ländern verschickt – die größte Zahl bei einer einzelnen Runde.
- Die Warnung erscheint auf dem Sperrbildschirm, als Eintrag in den Einstellungen, per E-Mail und als Banner auf der Account-Seite.
- Wie viele Personen betroffen sind und welche Länder es sind, teilt Apple nicht mit.
- Im Mittelpunkt der Empfehlung steht der Blockierungsmodus, für den Apple bis heute keinen erfolgreichen Angriff kennt.
- Für Deutschland und Österreich greift seit August 2025 ein EU-Verbot, Überwachungssoftware gegen Journalisten einzusetzen. In der Schweiz gilt es nicht.
Wie die Warnung ankommt
Apple beschreibt in seinem Support-Dokument zu Bedrohungsbenachrichtigungen drei Wege. Auf dem iPhone erscheint der Hinweis auf dem Sperrbildschirm und zusätzlich als eigener Eintrag ganz oben in den Einstellungen, oberhalb von Flugmodus und WLAN. Dazu kommt eine E-Mail an die im Apple Account hinterlegten Adressen, versendet von threat-notifications[at]email.apple.com. Und wer sich auf der Account-Seite anmeldet, sieht dort ein Banner.
Der Wortlaut auf dem Gerät ist knapp gehalten: Apple habe einen Angriff mit Söldner-Spyware auf dieses iPhone festgestellt, und es gebe Schritte, die sich jetzt unternehmen ließen, um Daten und Gerät zu schützen. Ein Tippen darauf öffnet die weiterführenden Hinweise. Welche Form ankommt, hängt laut Apple vom Gerätemodell und der Systemversion ab.
Ein Detail betont Apple seit Jahren, und es ist das wichtigste für alle anderen: Echte Bedrohungsbenachrichtigungen enthalten niemals Links und fordern niemals zur Eingabe von Daten, zur Installation von Apps oder zur Nennung eines Passworts auf. Wer eine solche Nachricht mit Link bekommt, hat es mit einem Phishing-Versuch zu tun. Prüfen lässt sich das über die Anmeldung bei account.apple.com – dort steht die echte Benachrichtigung ganz oben.
Die Wellen seit 2021 im Überblick
Apple verschickt diese Warnungen mehrmals im Jahr. Die Zahl der betroffenen Länder je Runde schwankt, ohne dass Apple je mitteilt, wie viele Personen dahinterstehen oder um welche Länder es sich handelt.
| Zeitpunkt | Länder in dieser Runde | Anmerkung |
|---|---|---|
| November 2021 | Erste Runde | Start der Bedrohungsbenachrichtigungen |
| April 2024 | 92 | Wechsel der Wortwahl von „staatlich gefördert“ zu „Söldner-Spyware“ |
| Juli 2024 | 98 | |
| Mai 2025 | 100 | Erste öffentliche Bestätigungen durch Betroffene in Europa |
| August 2026 | 110 | Bislang größte Zahl bei einer einzelnen Runde |
Die Umstellung der Wortwahl im Frühjahr 2024 hatte einen politischen Hintergrund: Apple sprach zunächst von staatlich geförderten Angriffen und formulierte um, nachdem es Beschwerden aus Indien gegeben hatte. Heute heißt es in Apples Dokumentation nur noch, solche Angriffe würden historisch mit staatlichen Akteuren in Verbindung gebracht. Wie Apple die Angriffe erkennt, teilt das Unternehmen bewusst nicht mit – die Begründung lautet, dass Angreifer ihr Verhalten sonst anpassen könnten. Wie Apple Betroffene informiert, war schon bei der Einführung 2021 in diesem Punkt bewusst vage gehalten.
Aus der Welle im Mai 2025 sind zwei Empfänger öffentlich bekannt: der italienische Journalist Ciro Pellegrino und die niederländische Kommentatorin Eva Vlaardingerbroek. Bei Pellegrino wies eine spätere forensische Untersuchung des Citizen Lab die Spyware Graphite des Anbieters Paragon nach, eingeschleust über einen Angriff per iMessage, der kein Zutun des Empfängers erforderte.
Warum der Blockierungsmodus im Zentrum steht
Die zentrale technische Empfehlung an Betroffene ist der Blockierungsmodus, im Englischen Lockdown Mode. Er schaltet eine Reihe von Funktionen ab, die als Einfallstor dienen können, und macht ein Gerät damit deutlich schwerer angreifbar.
Dafür gibt es ein belastbares Argument: Apple hat im März erklärt, bislang keinen Fall zu kennen, in dem ein Gerät mit aktiviertem Blockierungsmodus erfolgreich angegriffen wurde. Das ist keine Garantie, aber eine bemerkenswerte Bilanz für eine Schutzfunktion, die inzwischen vier Jahre im Einsatz ist.
Der Preis dafür ist Komfort. Wenn du wissen willst, was der Modus im Alltag einschränkt und wie er sich einschalten lässt, findest du das in der Anleitung zum Aktivieren des Blockierungsmodus. Apple weist ausdrücklich darauf hin, dass ihn auch einschalten kann, wer keine Warnung erhalten hat, aber gute Gründe für die Annahme sieht, gezielt angegriffen zu werden.
Neben dem Blockierungsmodus verweist Apple auf die Digital Security Helpline der Nichtregierungsorganisation Access Now, die rund um die Uhr erreichbar ist. Diese Stellen erfahren von Apple nicht, was die Warnung ausgelöst hat, können aber bei der Absicherung des Geräts helfen.
Was in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt
Ein direkter Bezug zum deutschsprachigen Raum lässt sich für diese Welle nicht belegen – Apple nennt keine Länder, und öffentlich bestätigt haben Warnungen bislang nur Einzelpersonen anderswo. Der rechtliche Rahmen unterscheidet sich hier allerdings deutlich vom Rest der Welt.
Seit dem 8. August 2025 gilt das Europäische Medienfreiheitsgesetz, die Verordnung (EU) 2024/1083. Artikel 4 untersagt Behörden grundsätzlich, Überwachungssoftware gegen Journalisten einzusetzen; zulässig ist das nur im Einzelfall, mit richterlicher Bestätigung und bei überwiegendem öffentlichem Interesse. Für Deutschland und Österreich ist das unmittelbar geltendes Recht.
Die Schweiz gehört weder zur EU noch zum EWR. Das Medienfreiheitsgesetz greift dort nicht, Schweizer Journalisten sind allein auf nationales Recht angewiesen. An den Bedrohungsbenachrichtigungen ändert das nichts – die verschickt Apple weltweit –, wohl aber an der Frage, was Behörden im eigenen Land rechtlich dürfen.
Dass diese Frage auch hierzulande nicht theoretisch ist, zeigt der eigene Rückblick: Das Bundeskriminalamt hatte den Einsatz von Pegasus bereits 2021 bestätigt. Dieselbe Software, vor der Apple seine Kundschaft warnt, ist in Deutschland behördliches Werkzeug.
Eine Warnung, die Ermittlungen auslöst
Der praktische Wert dieser Benachrichtigungen liegt nicht nur beim einzelnen Empfänger. John Scott-Railton, leitender Forscher beim kanadischen Citizen Lab, das die jüngste Runde als Erstes öffentlich machte, beschreibt den Mechanismus so: Eine Warnung erzeugt ein Signal, dass eine ganze Gruppe ins Visier geraten ist. Einige Betroffene suchen daraufhin Hilfe, und daraus entstehen Untersuchungen, die weitere Fälle zutage fördern.
Sein Beispiel dafür ist Polen, wo der Umgang der früheren Regierung mit Überwachungssoftware zu einem der größten Skandale des Landes wurde. Ohne Apples Benachrichtigungen, so Scott-Railton, wäre die Sache nie aufgeflogen. Der Fall Pellegrino zeigt dasselbe Muster im Kleinen: Erst die Warnung führte zur forensischen Untersuchung, und die brachte den konkreten Anbieter ans Licht.
Darin liegt der eigentliche Wert einer Meldung, die für fast alle Leser folgenlos bleibt. Jede Runde erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass systematischer Missbrauch überhaupt sichtbar wird. Für ein Unternehmen, das seit 2021 gegen Anbieter solcher Software prozessiert, ist das kein Nebeneffekt.
Wer die Warnung nicht bekommt, muss nichts tun
Für die allermeisten Menschen ändert diese Meldung nichts. Söldner-Spyware kostet pro Ziel enorme Summen und wird gegen sehr kleine Gruppen eingesetzt – Journalisten, Aktivisten, Anwälte, Diplomaten, Oppositionelle. Apple selbst schreibt, die überwiegende Mehrheit der Nutzer werde nie angegriffen.
Apples allgemeine Empfehlungen bleiben entsprechend die bekannten: aktuelle Systemversion, Gerätecode, Zwei-Faktor-Authentifizierung, aktivierter Schutz für gestohlene Geräte, Apps aus dem App Store, starke Passwörter oder Passkeys, keine Anhänge von Unbekannten.
Was sich lohnt, ist die Wachsamkeit gegenüber Fälschungen. Eine echte Bedrohungsbenachrichtigung ohne Link ist leicht von einer gefälschten mit Link zu unterscheiden – vorausgesetzt, man weiß es. Würdest du den Blockierungsmodus aus Vorsicht dauerhaft einschalten, oder wären dir die Einschränkungen im Alltag zu groß? Schreib uns in die Kommentare, welchen Komfortverzicht du für mehr Sicherheit hinnehmen würdest. (Bild: Apple / Apfelpatient)
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