Zwei Monate nach dem Vorgänger schiebt Anthropic die nächste Opus-Generation nach – zum unveränderten Preis. Das Modell soll nah an das hauseigene Spitzenmodell heranreichen und wird zur Standardeinstellung für zahlende Kunden. Gleichzeitig zieht der Anbieter bei einem Themenfeld bewusst Grenzen ein.
Anthropic hat am Freitag Claude Opus 5 veröffentlicht und löst damit Opus 4.8 vom Mai ab. Der Abstand von rund zwei Monaten entspricht dem Takt, den das Unternehmen zuletzt eingehalten hat. Opus bildet die mittlere von mehreren Stufen: Darunter liegen die kleineren Modelle Haiku und Sonnet, darüber die Mythos-Klasse mit Fable 5. Das neue Modell soll nach Unternehmensangaben nahe an die Leistung von Fable 5 herankommen und dabei die Hälfte kosten.
Was der Hersteller an Messwerten vorlegt
Die veröffentlichten Zahlen stammen sämtlich aus Anthropics eigenen Tests und sind nicht unabhängig überprüft. Demnach verdoppelt Opus 5 die Werte des Vorgängers auf einem Benchmark für Software-Entwicklung bei geringeren Kosten pro Aufgabe. Auf einem Test für neuartige Problemstellungen soll das Ergebnis dreimal so hoch ausfallen wie beim nächstbesten Modell.
Auffällig ist ein Detail zur Arbeitsweise: Anthropic beschreibt mehrere Fälle, in denen das Modell fehlende Werkzeuge selbst nachbaute – etwa eine Bilderkennung, um eine technische Zeichnung auszuwerten, auf die es keinen direkten Zugriff hatte. Bei den Lebenswissenschaften nennt das Unternehmen konkrete Zuwächse gegenüber dem Vorgänger, darunter 10,2 Prozentpunkte bei der Auswertung von Spektroskopie-Daten.
Verlässlicher als solche Herstellerangaben sind Rückmeldungen von Entwicklerfirmen, die vorab Zugriff hatten. Auch die fallen positiv aus, stammen allerdings von Partnern, die Anthropic für die Ankündigung ausgewählt hat.
Preis, Geschwindigkeit und wer es bekommt
Die Abrechnung bleibt unverändert bei 5 US-Dollar je Million eingehender und 25 US-Dollar je Million ausgehender Token – identisch zum Vorgänger. Ein optionaler schneller Modus läuft etwa mit der zweieinhalbfachen Geschwindigkeit und kostet das Doppelte.
Für Endkunden ändert sich die Voreinstellung: Opus 5 wird zum Standardmodell im teuersten Abo und ist zugleich das leistungsfähigste Modell im mittleren Tarif. Zwei Neuerungen für Entwickler erscheinen parallel als Beta, darunter die Möglichkeit, Werkzeuge mitten im Gespräch zu wechseln, ohne den Zwischenspeicher zu verlieren.
Wo das Modell auf Apple-Geräten auftaucht
Für Leser dieser Seite ist vor allem relevant, wo das Modell landet. Anthropics Entwicklerwerkzeug Claude Code läuft als Mac-App und testet iOS-Apps inzwischen direkt im Simulator. Die Büro-Anwendung Claude Cowork ist seit Anfang Juli auf iPhone und iPad verfügbar. Beide greifen auf die aktuelle Modellgeneration zu.
Eine Verbindung zu Apples eigener Assistenz besteht dagegen nicht. Siri AI basiert auf einer angepassten Version von Googles Gemini, nicht auf Claude.
Warum Opus 5 bewusst hinter dem Spitzenmodell bleibt
Der aufschlussreichste Teil der Ankündigung betrifft die Grenzen. Anthropic schreibt ausdrücklich, dass Opus 5 bei riskanten Fähigkeiten mit doppeltem Verwendungszweck keinen Fortschritt bringt und sowohl in der Biologie-Forschung als auch bei offensiver Cybersicherheit hinter Mythos 5 zurückbleibt. Das Modell wurde nach Unternehmensangaben absichtlich nicht auf Cyber-Aufgaben trainiert.
Beim Aufspüren von Software-Schwachstellen kommt es dem Spitzenmodell trotzdem nahe – beim Entwickeln von Angriffscode für diese Lücken liegt es deutlich zurück. Genau dort greifen zusätzliche Filter: Sie erlauben die Suche nach Schwachstellen im Quellcode, blockieren aber Penetrationstests und das Erzeugen von Angriffscode. Wird eine Anfrage markiert, fällt das System auf den Vorgänger Opus 4.8 zurück.
Die Vorgeschichte, die diese Zurückhaltung erklärt
Diese Zurückhaltung hat einen konkreten Hintergrund. Am 12. Juni – drei Tage nach der Veröffentlichung – wies das US-Handelsministerium Anthropic an, Fable 5 und Mythos 5 für ausländische Staatsangehörige zu sperren. Auslöser waren Berichte über eine Umgehung der Schutzmechanismen bei Cybersicherheits-Aufgaben. Anthropic schaltete beide Modelle daraufhin für alle Kunden ab.
Die Anordnung traf Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleichermaßen – anders als bei Auflagen aus Brüssel spielte die EU-Mitgliedschaft hier keine Rolle, maßgeblich war allein die Staatsangehörigkeit außerhalb der USA. Neunzehn Tage später hob das Ministerium die Auflagen wieder auf, und beide Modelle kehrten zum 1. Juli zurück.
Vor diesem Hintergrund liest sich Opus 5 als Modell, das bewusst unterhalb der Schwelle bleibt, die im Juni zur Sperre führte. Ob diese Auslegung zutrifft, sagt Anthropic nicht – die Beschreibung der eigenen Grenzen fällt in der Ankündigung allerdings ungewöhnlich ausführlich aus.
Der Abstand zwischen den Modellstufen schrumpft
Bemerkenswert an dieser Veröffentlichung ist weniger der Leistungssprung als die Preisgestaltung. Ein Modell, das nach Herstellerangaben nahe an die eigene Spitzenklasse heranreicht, kostet unverändert so viel wie sein Vorgänger. Die Abstufungen, die Anbieter über Jahre aufgebaut haben, verlieren damit an Trennschärfe – zumindest solange die Messwerte aus den Häusern stammen, die ihre eigenen Modelle bewerten. (Bild: Shutterstock / Stockinq)
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