Monatelang galt Anthropics stärkstes Modell als zu mächtig für die Öffentlichkeit – jetzt kommt es doch. Mit Claude Fable 5 stellt das Unternehmen ein Mythos-Klasse-Modell vor, das ab heute jeder Kunde nutzen kann, während die ungebremste Variante Mythos 5 einem kleinen Kreis vorbehalten bleibt.
Im April hatte Anthropic sein Modell Claude Mythos Preview vorgestellt und zugleich erklärt, es sei für eine öffentliche Freigabe schlicht zu gefährlich. Stattdessen erhielten nur ausgewählte Partner Zugriff – darunter Apple, das Mythos Preview im Rahmen des Cybersecurity-Programms Project Glasswing zum Aufspüren von Schwachstellen einsetzte und dabei auch in macOS gemeldete Sicherheitslücken prüfte. Mit Claude Fable 5 löst das Unternehmen nun das damals gegebene Versprechen ein und macht die Leistungsklasse breit zugänglich – allerdings mit einer Sicherheitsarchitektur, die genau jene Fähigkeiten einhegen soll, wegen denen Mythos zunächst unter Verschluss blieb.
Zwei Modelle, ein Fundament
Anthropic veröffentlicht zwei Varianten auf derselben technischen Basis. Claude Fable 5 ist nach Angaben des Unternehmens das erste öffentlich verfügbare Modell der Mythos-Klasse. Seine Fähigkeiten übertreffen demnach alles, was Anthropic bislang allgemein freigegeben hat: In nahezu allen getesteten Leistungs-Benchmarks soll Fable 5 auf dem aktuellen Spitzenniveau liegen, mit besonders starken Ergebnissen in Softwareentwicklung, Wissensarbeit, Bildverarbeitung und wissenschaftlicher Forschung. Je länger und komplexer eine Aufgabe ausfällt, desto deutlicher fällt laut Anthropic der Vorsprung gegenüber den eigenen anderen Modellen aus.
Daneben steht Claude Mythos 5 – im Kern dasselbe Modell, aber ohne einen Teil der Schutzmechanismen. Diese Version bleibt einem kleinen Kreis von Cyber-Verteidigern und Infrastruktur-Anbietern vorbehalten und wird zunächst über Project Glasswing in Zusammenarbeit mit der US-Regierung ausgerollt, als Nachfolger von Mythos Preview. Anthropic beschreibt Mythos 5 als das Modell mit den stärksten Cybersecurity-Fähigkeiten weltweit und kündigt an, den Zugang später über ein erweitertes Vertrauensprogramm zu öffnen.
Sicherheitsfilter statt Vollbremse
Die Freigabe eines derart leistungsfähigen Modells bringt nach Einschätzung von Anthropic erhebliche Risiken mit sich – vor allem im Bereich Cybersecurity, wo die Fähigkeiten missbraucht werden könnten, um ernsthaften Schaden anzurichten. Fable 5 startet deshalb mit einem Schutzkonzept, das Anfragen zu bestimmten Themen nicht selbst beantwortet, sondern an das nächststärkere Modell Claude Opus 4.8 weiterleitet. Betroffen sind Anfragen rund um Cybersecurity, Biologie und Chemie sowie zur sogenannten Distillation; Nutzer werden über die Weiterleitung informiert.
Anthropic hat diese Filter bewusst vorsichtig kalibriert. Das Unternehmen räumt ein, dass dabei gelegentlich auch harmlose Anfragen abgefangen werden – im Schnitt greife der Mechanismus aber in weniger als fünf Prozent aller Sitzungen. In über 95 Prozent der Fälle arbeite Fable 5 also ohne jede Umleitung, wodurch die Leistung praktisch jener von Mythos 5 entspreche. Mit kommenden, noch leistungsfähigeren Modellen will Anthropic die Schutzmechanismen weiter verbessern und die Zahl der Fehlauslösungen senken.
Preis halbiert gegenüber dem Vorgänger
Beim Preis macht Anthropic einen spürbaren Schritt nach unten. Sowohl Fable 5 als auch Mythos 5 kosten zehn US-Dollar pro Million Eingabe-Token und 50 US-Dollar pro Million Ausgabe-Token – das ist weniger als die Hälfte dessen, was Mythos Preview gekostet hatte. Damit rückt die Mythos-Leistungsklasse erstmals in eine Preisregion, die für einen breiteren Kundenkreis interessant wird, auch wenn die Modelle weiterhin deutlich teurer bleiben als bisherige Standardmodelle. In direkten Vergleichen schneiden die beiden Neuzugänge nach Anthropics eigenen Messungen günstig gegenüber Claude Opus 4.8 und GPT-5.5 ab.
Beide Modelle können laut Anthropic länger eigenständig arbeiten als alle bisherigen Claude-Generationen. Das verbessert den Einsatz in der Softwareentwicklung, in der Wissensarbeit und bei Bildaufgaben ebenso wie das Erinnerungsvermögen über lange Kontexte hinweg – Bereiche, in denen das Unternehmen zuletzt mit neuen Funktionen für eigenständig agierende Claude-Modelle nachgelegt hatte.
Gestaffelter Zugang wegen erwarteter Nachfrage
Claude Fable 5 steht Kunden ab sofort zur Verfügung, doch Anthropic rechnet mit einer sehr hohen und schwer kalkulierbaren Nachfrage. Der Zugang über die Abo-Tarife erfolgt deshalb in Phasen:
| Zeitraum | Verfügbarkeit von Fable 5 |
|---|---|
| Ab heute bis 22. Juni | In den Tarifen Pro, Max, Team und sitzplatzbasiertem Enterprise ohne Aufpreis enthalten |
| Ab 23. Juni | Entfernung aus diesen Tarifen; Nutzung dann nur noch über Guthaben (Usage Credits) |
| Danach | Geplante Rückkehr als regulärer Bestandteil der Abo-Tarife, sobald genügend Kapazität vorhanden ist |
Reicht die Kapazität früher aus, will Anthropic das kostenfreie Fenster verlängern. Die Rückführung in die Standard-Tarife soll laut Unternehmen so schnell wie möglich erfolgen.
Was die Mythos-Klasse für die Branche bedeutet
Die öffentliche Freigabe markiert einen Wendepunkt für ein Modell, dessen Existenz monatelang vor allem durch sein Gefahrenpotenzial definiert war. Genau jene Cybersecurity-Stärke, die Mythos Preview zum Werkzeug für die Glasswing-Partner machte, ist auch der Grund für die jetzt eingezogenen Leitplanken. Dass Anthropic die ungefilterte Variante Mythos 5 weiterhin nur Verteidigern und Infrastruktur-Anbietern überlässt, zeigt, wie schmal der Grat zwischen Schutz und Missbrauch bei dieser Leistungsklasse verläuft – ein Spannungsfeld, das zuletzt schon sichtbar wurde, als Unbefugte zeitweise Zugriff auf Mythos erlangten. Auch der Wettbewerb hat die Brisanz erkannt: OpenAI zog mit einem eigenen Sicherheitsprogramm als Antwort auf Glasswing nach. Mit Fable 5 verschiebt sich die Frage nun von „Wer darf ein solches Modell überhaupt nutzen?“ hin zu „Wie hält man es im Alltag sicher?“. (Bild: Shutterstock / Stockinq)
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