Apple kann jedes iPhone verkaufen und trotzdem verlieren. Das ist die Kernthese einer neuen Analystennotiz der Bank of America. Anlass ist Metas KI-Agent Muse, der seit Tagen die US-Charts im App Store anführt. Die Bank fürchtet, dass solche Agenten den Weg vom Suchen zum Bezahlen an Apple vorbei umleiten.
Bank-of-America-Analyst Wamsi Mohan hat am Dienstag eine Notiz an Investoren verschickt. Sie dreht sich um eine Frage: Wer verdient künftig daran, dass Menschen auf ihrem iPhone etwas suchen, auswählen und kaufen? Bisher läuft ein großer Teil davon über App Store, Apple Pay und Apples übrige Dienste.
Auszüge aus der Notiz zeigen, dass Mohan genau diese Kette durch KI-Agenten gefährdet sieht. Mit Siri AI sieht er Apple dafür heute noch nicht gerüstet. Die Aktie gab am Dienstag nach, an seiner Kaufempfehlung hält Mohan trotzdem fest.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bank of America sieht in KI-Agenten wie Metas Muse ein Risiko für Apples Dienste-Umsatz: Die Geräteverkäufe bleiben, die Erlöse aus Suche, Vermittlung und Kaufabschluss könnten abwandern.
- Siri AI fehlen laut der Notiz dauerhaft laufende Hintergrundaufgaben, eine breite Unterstützung für Aktionen in fremden Apps und ein eigener Bezahlweg für Agenten.
- Den Engpass sieht die Bank nicht in der Hardware, sondern im Tempo: Apple veröffentlicht große Softwareversionen einmal im Jahr.
- Die Einstufung bleibt bei „Kaufen“, das Kursziel bei 370 Dollar.
- Im deutschsprachigen Raum ist weder Muse erhältlich noch Siri AI auf Deutsch.
Die These hinter der Analystennotiz
Mohans Argument setzt nicht beim iPhone an, sondern bei dem, was darauf passiert. „Das Risiko für Apple besteht darin, dass es jeden Geräteverkauf behalten und trotzdem Produktsuche, Vermittlung und das Auslösen von Transaktionen verlieren kann“, schreibt er. Wählt ein Agent den Händler aus, fließen die Erlöse aus dieser Vermittlung an den Anbieter des Agenten – und nicht mehr an Betriebssystem, Suchmaschine oder App Store.
Muse dient in der Notiz als Beispiel dafür, wie schnell das gehen kann. Mohan verweist auf die frühen Handelspartner des Agenten, darunter Shopify samt dem Bezahldienst Shop Pay, Expedia und PayPal. Damit lässt sich ein Einkauf vom ersten Suchen bis zum Bezahlen innerhalb des Agenten erledigen.
Was Muse kann
Meta hat Muse am 8. September vorgestellt und beschreibt es als persönlichen KI-Agenten, der in einer eigenen virtuellen Maschine läuft. Der Agent öffnet einen Browser, füllt Formulare aus, verschickt E-Mails, bucht Reisen und kauft ein – auch dann noch, wenn die App geschlossen ist. Heikle Aktionen muss der Nutzer freigeben, auf derselben Maschine läuft zudem ein getrennter Kontrollagent.
KI-Agenten auf dem iPhone gab es schon vorher, OpenClaw brachte seinen Agenten im Juni als App aufs iPhone. Muse erreicht dagegen ein Massenpublikum: Seit dem 18. September steht die App auf Platz 1 der kostenlosen Apps im US-App-Store, zehn Tage nach dem Start.
Wie viele Menschen Muse bereits installiert haben, lässt sich nur schätzen. Die drei Marktforscher, die TechCrunch ausgewertet hat, kommen für die Woche bis zum 24. September zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen:
| Marktforscher | Geschätzte Downloads |
|---|---|
| Apptopia | 4,3 Millionen, davon 2,6 Millionen unter iOS |
| Sensor Tower | mehr als 3,4 Millionen |
| Appfigures | rund 2,3 Millionen, etwa hälftig iOS und Android |
Zwischen der höchsten und der niedrigsten Schätzung liegen rund zwei Millionen Downloads. Einig sind sich alle drei darin, dass Muse binnen gut zwei Wochen mehrere Millionen Nutzer erreicht hat.
Wo Siri AI laut der Notiz zurückliegt
Apple hat Siri AI am 14. September mit iOS 27 ausgeliefert, sechs Tage nach dem Start von Muse. Im Vergleich fehlen Siri AI laut Mohan drei Dinge: Aufgaben, die dauerhaft im Hintergrund weiterlaufen, eine breite Unterstützung für Aktionen in Apps anderer Anbieter und ein eigener Bezahlweg, über den ein Agent Käufe abwickeln kann.
An der Rechenleistung liegt es nach Einschätzung der Bank nicht, ein aktuelles iPhone übertreffe die Anforderungen eines Agenten wie Muse deutlich. Den Engpass sieht Mohan im Tempo: Apple veröffentliche große Softwareversionen einmal im Jahr, Agenten würden täglich besser. Er fordert, dass Apples Teams für Dienste, Chips, Bezahlen und Datenschutz enger und schneller mit Siri AI zusammenarbeiten.
Zwei Vorteile schreibt Mohan Apple trotzdem zu: eine große, treue Nutzerbasis und das Vertrauen, das viele Menschen Apple beim Umgang mit ihren Daten entgegenbringen. Für diese Nutzer ist Siri AI die Voreinstellung auf dem Gerät.
Kaufen-Einstufung bleibt, Kursziel bei 370 Dollar
Mohan hält an seiner Einstufung „Kaufen“ und am Kursziel von 370 Dollar fest. Den Wert hatte er erst nach der Vorstellung der neuen iPhones im September gesenkt, weil die Preise der Pro-Modelle unter seinen Erwartungen lagen und die Marge belasten. Im Mai hatte die Bank ihr Kursziel noch auf 380 Dollar angehoben.
| Zeitpunkt | Kursziel der Bank of America |
|---|---|
| September 2025 | 260 Dollar |
| Oktober 2025 | 320 Dollar |
| Mai 2026 | 380 Dollar |
| September 2026 | 370 Dollar |
Ein Wettbewerb ohne deutschsprachige Nutzer
Muse ist bisher nur in den USA und in Kanada erhältlich, das bestätigt Meta in seiner jüngsten Ankündigung zum Agenten. Einen Termin für weitere Länder nennt Meta nicht.
Auf Apples Seite sieht es ähnlich aus. Siri AI ist in der EU auf dem iPhone nicht gestartet, Apple begründet das mit dem DMA. Die Schweiz ist davon ausgenommen, dort läuft Siri AI auch auf dem iPhone. Deutsch gehört zudem nicht zu den Sprachen, die Apple für Oktober angekündigt hat – dort stehen Französisch, Japanisch, Koreanisch, Portugiesisch und Spanisch.
Siri AI reiht sich damit in eine längere Liste von Apple-Funktionen ein, die in der EU fehlen. Der Wettbewerb, den die Notiz beschreibt, findet im deutschsprachigen Raum derzeit auf keiner der beiden Seiten statt.
Warum die Kasse wichtiger ist als der Assistent
Ich halte das Tempo-Argument für den stärksten Teil der Notiz. Siri AI ist gerade erst erschienen, bis zur nächsten großen Version vergeht nach Apples Rhythmus ein Jahr. Meta hat dagegen schon zwei Wochen nach dem Start von Muse auf seiner Entwicklerkonferenz neue Partner und Funktionen angekündigt.
Weniger überzeugt mich, dass die Verlagerung ausgemachte Sache ist. Muse selbst wird über den App Store verteilt, und Apple arbeitet Berichten zufolge an eigenen Regeln für KI-Agenten im App Store. Wer die Plattform kontrolliert, auf der ein Agent läuft, redet bei der Frage, wer an der Vermittlung verdient, weiterhin mit.
Für Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz ändert sich vorerst nichts. Entscheidend wird, welches der beiden Angebote zuerst hier ankommt – und in welcher Sprache.
Würdest du einem KI-Agenten erlauben, in deinem Namen zu bezahlen – oder soll der letzte Klick vor dem Kauf bei dir bleiben? Schreib uns in die Kommentare, wo für dich die Grenze liegt.





