Seit Jony Ives Abschied fehlt Apple eine echte Spitze für das Design. Einen Nachfolger sucht das Unternehmen offenbar auch nicht – den Platz füllt inzwischen der CEO selbst, und zwar deutlich öfter, als es sein Vorgänger je getan hat.
Mark Gurman beschreibt in seiner aktuellen Ausgabe von Power On bei Bloomberg, wie John Ternus seit seinem Amtsantritt mit den beiden Designteams arbeitet. Demnach ist der Apple-Chef mehrmals pro Woche selbst im Studio, manchmal mehrfach am selben Tag. Gurman beruft sich auf mehrere Personen, die mit der Abteilung vertraut sind.
Dass Ternus das Design an sich zieht, hatte sich schon vor seinem Wechsel an die Spitze abgezeichnet. Im Juni war berichtet worden, dass er Apples Design zurück ins Zentrum rücken wolle. Der neue Bericht zeigt erstmals, wie das nach einem Monat als CEO im Alltag aussieht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ternus soll mehrmals pro Woche im Designstudio mitarbeiten, teils mehrfach am Tag.
- Tim Cook kam laut Bloomberg etwa einmal im Monat vorbei.
- Ternus ist damit die oberste Entscheidungsinstanz für Industriedesign und Benutzeroberfläche.
- Eine Suche nach einem eigenen Designchef läuft dem Bericht zufolge nicht.
- Frei gewordene Stellen besetzt Apple über Beförderungen und Neueinstellungen von außen.
Mehrmals pro Woche im Studio
Ternus soll sich seit Amtsantritt intensiv in die Arbeit beider Teams eingebunden haben: das Industriedesign, das die Geräte gestaltet, und das Human Interface Design, das für die Software-Oberflächen zuständig ist.
Der Unterschied zu Tim Cook fällt deutlich aus. Cook soll das Studio etwa einmal im Monat besucht haben. Bei Ternus sind es nach dem Bericht mehrere Besuche pro Woche, an manchen Tagen auch mehrere hintereinander.
Die Teams selbst führen weiterhin Molly Anderson im Industriedesign und Steve Lemay bei der Benutzeroberfläche. Beide stehen seit März auf Apples Führungsseite. Die übergeordneten Entscheidungen liegen aber bei Ternus.
Kein neuer Designchef in Sicht
Eine Stelle wie die eines Chief Design Officer, die Jony Ive bis zu seinem Weggang innehatte, will Apple dem Bericht zufolge nicht neu besetzen. Eine Suche danach laufe nicht.
Stattdessen konzentriert sich Ternus darauf, die Lücken in den Teams zu schließen. Apple hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Designer an andere Unternehmen verloren. Den deutlichsten Einschnitt markierte der Wechsel von UI-Chefdesigner Alan Dye zu Meta im Dezember 2025. Nachbesetzt wird über die Beförderung jüngerer Designer und über Neueinstellungen von außen.
Gurman zählt bei Apples Führungsthemen zu den am besten vernetzten Berichterstattern, seine Angaben zu Personalien haben sich in der Vergangenheit häufig bestätigt. Der Bericht stützt sich auf mehrere Personen aus dem Umfeld der Abteilung, nicht auf eine einzelne Stimme.
Vom COO zum CEO: Wer bei Apple über Design entscheidet
Die Zuständigkeit für das Design ist in den vergangenen sieben Jahren mehrfach gewandert:
| Zeitpunkt | Wer das Design verantwortet |
|---|---|
| Juni 2019 | Jony Ive kündigt seinen Abschied an, die Teams wandern zu COO Jeff Williams |
| Juli 2025 | Apple kündigt an, dass die Designteams künftig direkt an Tim Cook berichten |
| Ende 2025 | Ternus übernimmt laut Bloomberg die operative Aufsicht |
| März 2026 | Molly Anderson und Steve Lemay erscheinen auf Apples Führungsseite |
| 1. September 2026 | Ternus wird CEO |
| Oktober 2026 | Ternus arbeitet laut Bericht mehrmals pro Woche selbst im Studio |
Offiziell lagen die Teams nach dem Rückzug von Jeff Williams also bei Cook, tatsächlich aber schon bei Ternus. Im Januar hieß es noch, Ternus fungiere als Executive Sponsor für das Design und treffe Designentscheidungen nicht allein. Inzwischen beschreibt Bloomberg ihn als denjenigen, der am Ende entscheidet. Parallel baut er das Unternehmen auch an anderer Stelle um, mit dem Ziel, Apple schneller und schlanker zu machen.
Ein CEO als Designchef hat einen Preis
Ich halte den Schritt für konsequent, aber nicht ohne Risiko. Ein Chef, der mehrmals pro Woche im Studio sitzt, macht klar, welchen Rang das Design im Unternehmen hat, und das nach Jahren, in denen es eher operativ geführt wurde. Für ein Unternehmen, das seine Geräte über ihre Gestaltung verkauft, ist das das richtige Signal.
Gleichzeitig bündelt Apple damit eine Rolle, die früher eine eigene Person ausgefüllt hat, beim Mann mit dem vollsten Kalender im Haus. Ohne Designchef gibt es zwischen den beiden Teamleitungen und dem CEO keine Ebene mehr, die das Studio vertritt, wenn Ternus anderswo gebraucht wird. Gerade weil Apple Designer an die Konkurrenz verloren hat, wäre eine solche Figur auch nach außen ein Zeichen, dass sich der Wechsel nach Cupertino wieder lohnt.
Ternus kommt nicht aus dem Design, sondern aus der Hardware-Entwicklung, die er über Jahre geleitet hat. Wie sich seine Handschrift auf Geräte auswirkt, lässt sich frühestens an Produkten ablesen, die vollständig unter seiner Aufsicht entstanden sind.
Braucht Apple wieder einen eigenen Designchef wie einst Jony Ive – oder ist ein CEO, der selbst im Studio mitarbeitet, die bessere Lösung? Schreib uns in die Kommentare, wen du an der Spitze des Studios sehen würdest.





