Apple hat am Montag eine neue Eingabe bei Gericht gemacht und stützt sich darin auf die erste forensische Auswertung eines Notebooks, das ein beklagter Ex-Mitarbeiter nach seinem Wechsel zu OpenAI nutzte. Aus Apples Sicht belegen die Daten, dass Firmenwissen nicht nur abgeflossen, sondern bereits in die Arbeit beim neuen Arbeitgeber eingeflossen ist.
Der Vorgang gehört zum Verfahren, das Apple im Juli wegen mutmaßlichen Geheimnisverrats angestrengt hat. Die neue Eingabe stammt aus dem Verfahren Apple Inc. v. Liu et al., Aktenzeichen 5:26-cv-07078, Dokument 94 vor dem Bundesbezirksgericht für den nördlichen Bezirk Kaliforniens. Sämtliche darin geschilderten Vorgänge sind Apples Darstellung; das Gericht hat darüber nicht entschieden, und für die Beklagten gilt bis dahin die Unschuldsvermutung.
Das Wichtigste in Kürze
- Apple hat eine neue Eingabe eingereicht und drängt weiter auf eine beschleunigte Beweisaufnahme.
- Grundlage ist die erste forensische Auswertung eines MacBook, das die Anwälte des Beklagten übergaben.
- Apple sieht darin belegt, dass eine vertrauliche Schaltungszeichnung beim neuen Arbeitgeber verwendet wurde.
- Ein weiterer Vorwurf lautet auf Anleitung zur Vernichtung von Beweismitteln.
- Der Verhandlungstermin über die einstweilige Verfügung steht auf dem 1. Oktober.
Was die Auswertung ergeben haben soll
Nach Apples Darstellung führt die Erstauswertung zu vier Punkten. Erstens soll der Beklagte eine vertrauliche Schaltungszeichnung nicht nur heruntergeladen, sondern bei seiner Arbeit für den neuen Arbeitgeber verwendet haben. Zweitens sei der Zugriff auf Apples Cloudspeicher bei einem Drittanbieter nicht unbemerkt geblieben, sondern ihm und weiteren Personen bei OpenAI bekannt gewesen.
Drittens soll er nach Kenntnis von Apples interner Untersuchung eine Anleitung zur Vernichtung von Beweismitteln an eine Kollegin geschickt haben, die die Umsetzung zugesagt habe. Viertens habe er ein Werkzeug genutzt, das denselben Namen trägt wie eine interne Apple-Anwendung aus der Entwicklung.
Konkret nennt Apple eine Simulation aus dem März, die mit der Schaltungszeichnung in der Analysesoftware LTspice gelaufen sein soll. In Nachrichten aus derselben Zeit habe der Beklagte beschrieben, dass sein KI-Agent gelernt habe, LTspice zu bedienen und die Ergebnisse auszuwerten.
Wie der Streit bis hierher verlief
Das Verfahren läuft seit knapp zwei Monaten und hat in dieser Zeit mehrere Wendungen genommen.
| Datum | Verfahrensschritt |
|---|---|
| 10.07.2026 | Apple reicht Klage gegen zwei frühere Mitarbeiter, OpenAI und io Products ein |
| 04.08.2026 | OpenAI kontert mit E-Mails und Chatverläufen und beantragt die Abweisung |
| 26.08.2026 | Apple dringt auf eine beschleunigte Beweisaufnahme |
| 27.08.2026 | OpenAI verlangt die endgültige Abweisung |
| 31.08.2026 | Apple legt die Forensik-Befunde vom Notebook vor |
| 01.10.2026 | Verhandlung über die einstweilige Verfügung in San José, 18:00 Uhr MESZ |
Bemerkenswert ist ein Detail aus der Eingabe: Die Gegenseite habe darauf verzichtet, das Gerät selbst untersuchen zu lassen. Apple bezeichnet die Funde als erschütternd und führt sie als Argument dafür an, dass es nicht auf gut Glück nach Material suche.
Warum Apple auf das KI-Modell zielt
Der juristisch interessanteste Satz der Eingabe betrifft nicht das Notebook, sondern die Technik dahinter. Apple argumentiert, dass Geschäftsgeheimnisse, die in einen KI-Agenten oder ein Modell einfließen und von diesem gelernt werden, eine unumkehrbare und fortlaufend weiterwirkende Nutzung erzeugen können.
Das verschiebt den Streitgegenstand. In klassischen Geheimnisverratsfällen geht es darum, Dateien zurückzuholen und ihre Verwendung zu untersagen. Wenn Wissen dagegen in Modellgewichte eingegangen ist, greift dieses Mittel nicht mehr – ein Modell lässt sich nicht selektiv vergessen machen. Genau daraus leitet Apple die Eile ab: Je länger die Beweisaufnahme dauert, desto weniger lässt sich zurückdrehen.
Für dich als Beobachter der Branche ist das der eigentliche Punkt an dieser Meldung. Sollte ein Gericht dieser Argumentation folgen, hätte das Folgen weit über diesen Fall hinaus – für jedes Unternehmen, dessen Mitarbeiter zu einem KI-Anbieter wechseln, und für die Frage, was ein Beseitigungsanspruch gegenüber einem trainierten Modell überhaupt bedeuten kann.
Im Oktober wird es ernst
Ob das Gericht die beschleunigte Beweisaufnahme zulässt, ist offen. Am 1. Oktober verhandelt das Gericht in San José über die einstweilige Verfügung, und zu diesem Termin muss Apple mehr liefern als eine Erstauswertung. Die Gegenseite hat bislang jeden Vorwurf zurückgewiesen und die Abweisung der Klage beantragt.



Hältst du Apples Argument für tragfähig, dass Firmenwissen in einem trainierten KI-Modell nicht mehr rückholbar ist – oder ist das eine Rechtsfigur, die vor allem den Zeitdruck erhöhen soll?