Kaum ein Unternehmen sitzt in Brüssel so oft mit am Tisch wie Apple. Seit der Europawahl im Juni 2024 kommt der Konzern auf 257 Treffen mit hochrangigen Vertretern von Kommission und Parlament – und auf ein Lobbybudget, das größer ist als das von drei europäischen Industrieriesen zusammen.
Die Zahlen stammen aus einer Auswertung der Financial Times, die das Transparenzregister der EU sowie die Treffen-Datenbanken von Kommission und Europäischem Parlament seit der Wahl im Juni 2024 ausgewertet hat. Demnach treffen sich Google, Apple und Amazon jeweils häufiger mit EU-Vertretern als jedes einzelne europäische Unternehmen.
Neu ist das Thema nicht, wohl aber die Größenordnung. Vor knapp einem Jahr lag Apple in einer Analyse von LobbyControl und Corporate Europe Observatory noch bei rund sieben Millionen Euro Lobbyausgaben im Jahr. Die Financial Times kommt jetzt auf rund neun Millionen Euro.
Das Wichtigste in Kürze
- Apple hatte seit Juni 2024 laut FT 257 Treffen mit hochrangigen Kommissionsvertretern und Europaabgeordneten.
- Unter den Tech-Konzernen liegt nur Google mit 302 Treffen davor, Amazon folgt mit 239.
- Apple gibt rund neun Millionen Euro im Jahr für Lobbyarbeit in Brüssel aus, mehr als TotalEnergies, Volkswagen und Airbus zusammen.
- Im Transparenzregister lagen Apples Angaben vor fünf Jahren noch bei 3,5 bis 3,75 Millionen Euro.
- Apple erklärt, man spreche mit der Politik über Themen, die für Kunden und Geschäft wichtig seien.
257 Treffen in gut zwei Jahren
Gezählt hat die Financial Times Treffen mit hochrangigen Beamten der Kommission und mit Europaabgeordneten. Google kommt samt Tochterfirmen auf 302 Termine, Apple auf 257, Amazon auf 239 und damit auf Platz 14 der Gesamtliste. Von den europäischen Unternehmen schaffen es nur TotalEnergies, Volkswagen und Airbus unter die 20 aktivsten Organisationen.
An der Spitze stehen allerdings keine Konzerne, sondern Umweltverbände. Der WWF führt die Liste mit 431 Treffen an, die Organisation Transport & Environment folgt mit 410.
| Organisation | Treffen seit Juni 2024 |
|---|---|
| WWF | 431 |
| Transport & Environment | 410 |
| Google (inkl. Tochterfirmen) | 302 |
| Apple | 257 |
| Amazon | 239 |
Inhaltlich ging es laut FT bei Google, Amazon und Apple unter anderem um die geplante Regulierung von Cloud-Diensten und um Regeln zum Schutz von Kindern im Netz. Zu Letzterem hat die Kommission am 17. September den KIDS Act als Verordnungsvorschlag vorgelegt.
Neun Millionen Euro im Jahr
Beim Geld liegt Meta mit mehr als zehn Millionen Euro jährlich vorn. Apple folgt laut FT mit rund neun Millionen Euro und gibt damit allein mehr aus als TotalEnergies, Volkswagen und Airbus zusammen.
Grundlage solcher Zahlen sind die Selbstauskünfte der Unternehmen im Transparenzregister, das Ausgaben in Spannen erfasst. Apple ist dort seit Juni 2013 eingetragen, der Verlauf der Angaben lässt sich bei LobbyFacts nachvollziehen. Über die Jahre ergibt sich ein deutlicher Anstieg:
| Zeitraum | Apples Lobbyausgaben in der EU |
|---|---|
| Geschäftsjahr bis September 2020 | 3,5 bis 3,75 Mio. Euro |
| Geschäftsjahr bis September 2021 | 6,5 bis 7 Mio. Euro |
| Auswertung LobbyControl/CEO, Oktober 2025 | rund 7 Mio. Euro |
| Auswertung Financial Times, Oktober 2026 | rund 9 Mio. Euro |
Der größte Sprung fällt in das Geschäftsjahr, in dem die Kommission Digital Markets Act und Digital Services Act vorlegte. Die aktuelle Auswertung liegt noch einmal rund zwei Millionen Euro über der vom Oktober 2025.
Was in Brüssel auf dem Tisch liegt
Apple steht in der EU seit Jahren unter Regulierungsdruck. Im Juli hat das Gericht der EU Apples Einstufung als Gatekeeper bestätigt und die Klagen des Konzerns abgewiesen. Im April 2025 hatte die Kommission bereits eine Strafe von 500 Millionen Euro verhängt, gegen die Apple vorgeht.
Seit gestern gelten zudem die neuen Geschäftsbedingungen für den App Store in der EU, auf die sich Apple im August mit der Kommission verständigt hatte. Die Standardprovision sinkt auf 26 Prozent, die umstrittene Core Technology Fee weicht einer Umsatzbeteiligung von fünf Prozent.
Offen bleibt der Streit um Siri AI. Apple hält die Funktion auf iPhone und iPad in der EU zurück und begründet das mit den Interoperabilitätspflichten aus dem DMA. Sie reiht sich damit in eine Liste von Apple-Funktionen ein, die in der EU fehlen.
Das Budget folgt der Regulierung
Apple und Amazon erklärten gegenüber der FT, sie sprächen mit der Politik über Themen, die für ihre Kunden und ihr Geschäft wichtig seien. Google verwies auf die Vielzahl neuer Regeln, mit denen der Konzern umgehen müsse.
Ich halte das in Apples Fall für weitgehend zutreffend. Kaum ein Unternehmen ist von DMA, App-Store-Verfahren und KI-Regeln so direkt betroffen, und das Budget ist genau in den Jahren gewachsen, in denen diese Regeln entstanden. Eine Zahl von 257 Treffen beschreibt allerdings Zugang, nicht Erfolg: Gatekeeper-Status, Strafe und neue App-Store-Bedingungen zeigen, dass Apple in den großen Fragen zuletzt nicht durchgekommen ist.
Bemerkenswert finde ich das Verhältnis zur europäischen Industrie. Wenn ein einzelner US-Konzern mehr für Lobbyarbeit ausgibt als Volkswagen, Airbus und TotalEnergies zusammen, verschiebt das die Gewichte in genau den Debatten, in denen es um Europas eigene Digitalwirtschaft geht. Dass Register und Treffen-Datenbanken öffentlich sind, macht diese Schieflage immerhin nachprüfbar.
Sind neun Millionen Euro im Jahr für einen Konzern, gegen den die EU zuletzt 500 Millionen Euro Strafe verhängt hat, schlicht Pflichtprogramm – oder siehst du darin ein Ungleichgewicht gegenüber europäischen Firmen, das Brüssel strenger regeln sollte? Schreib uns in die Kommentare, wo du die Grenze ziehst.





