iCloud ist für viele ein fester Bestandteil des digitalen Alltags. Fotos, Nachrichten, Notizen, Backups – alles wird automatisch gesichert und verschlüsselt. Das Versprechen: Datenschutz auf hohem Niveau, auch dank Funktionen wie der „Advanced Data Protection“. Doch dieses Sicherheitsversprechen steht aktuell unter politischem Druck. Ausgerechnet Großbritannien, ein demokratischer Rechtsstaat, will Apple zwingen, Hintertüren in die Verschlüsselung einzubauen – und das nicht nur für Nutzer im Vereinigten Königreich.
Neue Dokumente aus einem laufenden Gerichtsverfahren in Großbritannien belegen, dass das Innenministerium mehr von Apple verlangt hat, als bisher bekannt. Es geht nicht nur um Zugriff auf zusätzliche Sicherheitsfunktionen, sondern um weitreichende technische Maßnahmen, die den weltweiten Zugriff auf iCloud-Daten ermöglichen würden. Die Diskussion um staatliche Kontrolle versus Datenschutz bekommt damit eine neue Dimension.
Britische Regierung will Zugang zu iCloud weltweit
Die Financial Times berichtet unter Berufung auf Gerichtsunterlagen des britischen Investigatory Powers Tribunal (IPC), dass das Innenministerium eine sogenannte technische Fähigkeitserklärung (Technical Capability Notice, kurz TCN) an Apple übermittelt hat. Diese Anordnung ging offenbar deutlich weiter als bisher öffentlich bekannt. Ziel war es, Apple zu verpflichten, Möglichkeiten zur Datenoffenlegung bereitzustellen und dauerhaft aufrechtzuerhalten – nicht nur für britische Nutzer, sondern weltweit. In der TCN war ausdrücklich nicht nur die umstrittene Funktion „Advanced Data Protection“ (ADP) betroffen. Auch Standardfunktionen von iCloud sollten betroffen sein. Dazu zählen beispielsweise gesicherte Nachrichten, Passwörter oder komplette Geräte-Backups. Die Formulierung in den Gerichtsunterlagen ist eindeutig: Die verlangten Maßnahmen sollten global gelten – für sämtliche Nutzerkategorien und gespeicherte Daten in iCloud, unabhängig vom Standort oder der Nationalität der Nutzer.
Advanced Data Protection unter Beschuss
Apple hatte Ende 2022 mit ADP eine Funktion eingeführt, die ausgewählte iCloud-Daten zusätzlich mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt. Dazu gehören unter anderem Fotos, Notizen, iCloud-Backups und Sprachmemos. Standardmäßig sind iCloud-Daten zwar bereits während der Übertragung und im Ruhezustand verschlüsselt, Apple könnte sie jedoch bei einer rechtlichen Anfrage entschlüsseln – ADP hingegen schließt genau das aus. Nach Erhalt der geheimen britischen Regierungsanordnung zog Apple im Februar 2025 die ADP-Funktion für Nutzer im Vereinigten Königreich zurück. Öffentlich wurde dieser Schritt kaum kommentiert. Erst durch die neuen Gerichtsdokumente wird deutlich, wie groß der politische Druck im Hintergrund war – und dass dieser Rückzug offenbar nur einen Teilaspekt der umfassenden Forderungen darstellt.
Ein globaler Fall mit geopolitischem Nachspiel
Besonders brisant ist, dass die britische Forderung nicht nur auf nationale Sicherheit oder lokale Strafverfolgung abzielt. Stattdessen sollte Apple eine Infrastruktur bereitstellen, mit der weltweit auf iCloud-Daten zugegriffen werden kann – selbst wenn es keine direkte Verbindung zum Vereinigten Königreich gibt. In der vergangenen Woche hieß es aus den USA, Großbritannien habe nach Druck von US-Offiziellen – darunter der Direktorin für nationale Sicherheit, Tulsi Gabbard, und Vizepräsident JD Vance – eingelenkt und die Forderungen fallen gelassen. Die jetzt veröffentlichten Gerichtsdokumente widersprechen dieser Darstellung. Demnach hat das britische Innenministerium seine Anforderungen weder aufgehoben noch offiziell verändert.
Apple bleibt bei seiner Linie
Apple bezieht weiterhin eine klare Position gegen Hintertüren in seinen Verschlüsselungssystemen. Der Konzern warnt regelmäßig davor, dass jede Schwächung der Sicherheit am Ende allen Nutzern schadet. Eine gezielte Lücke, die für Strafverfolgung oder nationale Sicherheitsdienste gedacht ist, könne niemals vollkommen sicher sein. Früher oder später werde sie auch von kriminellen Gruppen ausgenutzt – ein Risiko, das Apple nicht eingehen will. Die laufende Klage beim Investigatory Powers Tribunal wird Anfang nächsten Jahres öffentlich verhandelt. Die britische Regierung verweigert weiterhin jede Bestätigung oder Dementierung der fraglichen Anordnung und beruft sich auf Geheimhaltungspflichten. Das Gericht hat deshalb beschlossen, auf Basis „angenommener Tatsachen“ zu verhandeln, um mögliche Verstöße gegen das Gesetz über Staatsgeheimnisse zu vermeiden.
- iCloud Private Relay: Einfacher Datenschutz für Safari
- iCloud Backups verschlüsseln: So geht’s Schritt für Schritt
Apple gegen den Staat: Der Streit um digitale Souveränität
Der Fall zwischen Apple und der britischen Regierung könnte die Debatte um Datenschutz, Cloud-Dienste und staatliche Überwachung neu entfachen. iCloud steht im Mittelpunkt eines globalen Interessenkonflikts: auf der einen Seite das Bedürfnis nach Privatsphäre und digitaler Sicherheit, auf der anderen Seite die Forderung nach Kontrolle und Zugang zu verschlüsselten Daten. Die nächsten Monate dürften entscheidend sein – nicht nur für Apple, sondern für alle Dienste, die Sicherheit durch Verschlüsselung versprechen. (Bild: Shutterstock / BeeBright)
- Apple warnt vor Verzögerungen durch neue CMA-Regeln in UK
- PayPal Datenklau: Millionen Zugangsdaten im Darknet
- Deutschland: Apple darf Apple Watch nicht klimaneutral nennen
- Elon Musk verklagt Apple und OpenAI: Streit um den App Store